Faszination
62 Sekunden markieren den Beginn dieser Geschichte, ein kurzes Video, in dem Sxin in seinem Zimmer ganz beiläufig eine melodische Idee performt. Auf den ersten Blick nichts Spektakuläres. Auffällig war nicht nur die Melodie selbst, sondern auch die Nutzung eines neu entdeckten Flips bei einer ohnehin schon einzigartigen Gesangstechnik. Die Faszination ging weltweit um und sammelte in den sozialen Medien über 20 Millionen Aufrufe und mehr als 3 Millionen Likes.
Sxin entschied sich, aus der Idee einen vollständigen A-cappella-Track zu machen. Geprägt von genau dem Medium, das es möglich gemacht hatte, lud er sein Publikum ein, an der Gestaltung des Cover-Artworks mitzuwirken und das Rampenlicht zu teilen.
Cloudwalker
Die Vorgabe war sehr vage: „A figure, floating towards the sun, maybe playing a trumpet.“ Ich erkannte die Gelegenheit und reichte zwei verschiedene Versionen ein. Die erste Version hielt sich eng an seine Beschreibung, während sich die zweite mehr künstlerische Freiheit nahm. Aber rate mal? Das Risiko zahlte sich aus, denn der zweite gefiel ihm besonders, gewann den Wettbewerb und wurde damit zum offiziellen Cover des Songs auf allen Plattformen.
Brainstorm
Nach der erfolgreichen Veröffentlichung von Cloudwalker kam Sxin erneut auf mich zu, diesmal für das Artwork seines nächsten Tracks. Diesmal änderte sich die musikalische Richtung. Statt eines einlagigen A-cappella-Stücks wurde die Komposition dichter, vielschichtiger und emotional aufgeladener. Natürlich musste sich die visuelle Richtung entsprechend weiterentwickeln.
Mein Ansatz ging stärker in Richtung härterer Kontraste, dramatischerer Kompositionen und eines klareren Fokus auf Atmosphäre, um die Intensität des Sounds zu übersetzen. Drei Entwürfe waren nötig, um das Artwork für Sxins unausgesprochene Vision zu finden.
Vorgehensweise
Für diese Serie habe ich mich bewusst stärker in eine illustrative und surrealistische Richtung bewegt, irgendwo zwischen Traum und Verzerrung. Soweit ich zuletzt nachgesehen habe, können Menschen nicht schweben.
Der Prozess selbst ist weniger linear, als er vielleicht aussieht. Er beginnt meist mit Fragmenten: dem Finden und Kombinieren von Fotos, die eigentlich nicht zusammengehören. In Photoshop beginne ich, sie zu etwas zu verschmelzen, das sich leicht falsch anfühlt. Es soll auf eine Art interessant sein, die einen zweimal hinschauen lässt. Von dort aus wird Illustrator zu meinem Übersetzungswerkzeug. Das expressive Chaos muss reduziert und stilisiert werden, damit es lesbarer und stimmiger wirkt.
Die letzten Feinschliffe mache ich wieder in Photoshop. Denn in der modernen Welt werden Perfektion und saubere Vektoren langsam langweilig und immer weniger ausdrucksstark. Die menschliche Note entsteht durch Texturen und kontrollierte Unvollkommenheiten. Schließlich möchte ich nicht, dass es aussieht, als hätte ein Boomer eine witzige Idee mit KI erzeugt. Sorry, Boomer, nichts Persönliches.




